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Wer wird computersüchtig?

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Kinder im Sog der modernen Medien

Wer wird computersüchtig?
Wir haben für Sie einen Ausschnitt aus dem Buch „Computersüchtig – Kinder im Sog der modernen Medien“ von Wolfgang Bergmann und Gerald Hüther, erschienen im Beltz Verlag, abgedruckt, weil wir gerade den Aspekt, wer vor allen Dingen gefährdet ist, computersüchtig zu werden, wichtig fanden.
Für die meisten Menschen, für Eltern, Lehrer, sogar Suchtberater ist es eine sehr einleuchtende Vorstellung, dass es die Drogen oder in unserem Fall eben die Computerspiele sind, die vor allem junge und unerfahrene Menschen süchtig machen. Dass so viele Menschen diese Erklärung attraktiv finden, ist nur allzu verständlich: Je klarer der „Feind“ definiert ist, desto leichter lässt er sich bekämpfen. Dumm ist nur, wenn sich später herausstellt, dass dieser vermeintliche „Verursacher“ in Wirklichkeit gar nicht die Ursache für die Entstehung einer Sucht ist. So ist es sicher am bequemsten, aber besser wird es dadurch nicht. Denn den falschen Täter zu verfolgen, macht einen schwierigen Fall meist noch sehr viel komplizierter. Das kennt man aus jedem Krimi. Es gibt zahllose Kinder und Jugendliche, die Computer benutzen und Computerspiele und auch die besonders faszinierenden neuesten Entwicklungen ausprobieren. Aber süchtig werden davon nicht alle. Süchtig werden nur manche. Die entscheidende Frage ist also nicht, was süchtig machen kann, sondern wer aus welchem Grund süchtig wird.

Damit muss zwangsläufig auch der zu bekämpfende „Feind“ neu definiert werden:
Es ist nicht die heimtückische Droge und auch nicht das auf Faszination optimierte Computerspiel, es sind auch nicht die Hersteller und Anbieter dieser „Suchtmittel“. Der „Feind“ ist vielmehr all das, was eine wachsende Zahl von Kindern und Jugendlichen in der von uns gestalteten Lebenswelt entscheidend vermisst. Offenbar wachsen viele von ihnen inzwischen unter Bedingungen auf, die ihnen nur wenig Möglichkeiten bieten, ihre wirklich wichtigen Bedürfnisse zu stillen. Mit anderen Worten: Sucht erzeugend sind nicht die Ersatzbefriedigungen, die „Krücken“, die Kinder und Jugendliche finden oder die ihnen angeboten werden, sondern die starken Bedürfnisse, die sie haben und für die sie – weil sie sie als nicht erfüllbar erleben – irgendwelche „Ersatzbefriedigungen“ suchen.

Und jetzt wird es ziemlich unbequem:
Diese starken, unerfüllten Bedürfnisse, die Kinder und Jugendliche dazu bringen, täglich stundenlang vor ihren Computern zu hocken, sind nicht Ausdruck des Umstandes, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Sie haben diese Bedürfnisse und suchen nach einer Befriedigung auch nicht deshalb, weil in ihrem Gehirn etwas nicht „richtig funktioniert“. Was diese Kinder und Jugendlichen dazu bringt, sich solcher „Hilfsmittel“ zu bedienen, ist nichts anderes als das, was den Beinamputierten nach seinen Krücken suchen lässt: eine aus einem Verlust erwachsene Notwendigkeit, ein aus einem Defizit entstandenes Bedürfnis. Im Fall des Beinamputierten ist das Bedürfnis, das ihn von seiner Krücke abhängig macht, leicht auszumachen: Er möchte sich wieder fortbewegen. Aber an welchem Defizit, an welchem Mangel leiden diese Kinder und Jugendlichen? Woher kommt ihre Bedürftigkeit und welches Bedürfnis ist das überhaupt, das sich durch die Beschäftigung mit solchen elektronischen Medien offenbar einigermaßen stillen lässt? Ein Blick in eine Computerzeitschrift, ein Rundgang auf einer Messe für Computerspiele reicht völlig aus, um auf eindrückliche Weise deutlich zu machen, was diese Medien bieten und was die Computerkids dort auch finden:

1. Klare und verlässliche Strukturen und Regeln, die man einhalten muss, wenn man ans Ziel kommen will.
2. Eigene, selbstständige Entscheidungen, die man treffen muss und für die man – wenn sie sich als falsch erweisen – ganz allein verantwortlich ist.
3. Aufregende Entdeckungen, die man machen und spannende Abenteuer, die man erleben kann.
4. Gefahren, Ängste und Bedrohungen, die man überwinden kann.
5. Ziele, die man erreichen kann.
6. Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die man erwerben und sich aneignen kann.
7. Kleinigkeiten am Rande, auf die man achten muss.
8. Vorbilder, denen man nacheifern kann.
9. Eigene Erfahrungen, auch Fehler, die klug machen.
10. Geschicklichkeiten, die man zunehmend besser entwickeln kann. Und nicht zuletzt
11. Leistungen, auf die man stolz sein kann.

Es ist dabei zunächst nicht entscheidend, wie die von den Herstellern dieser Geräte und Spiele ausgedachte und konstruierte Scheinwelt im Einzelfall aussieht, wie sie beschaffen ist, welchen Realitätsbezug sie noch hat, ob das Szenario gewalttätig oder friedlich ist, ob die virtuellen Helden aggressiv und wild oder aber überirdisch-verklärt wirken und übermenschlich-göttlich agieren.
Wichtiger als der Inhalt ist die Botschaft und die Erfahrung durch das Eintauchen in diese virtuelle Welt: Du kannst Regeln erkennen, umsichtig agieren, Neues entdecken, Verantwortung für deine Entscheidungen übernehmen, aus Fehlern lernen, etwas leisten und über dich hinauswachsen. Und jetzt wird auch endlich der Mangel spürbar, lässt sich endlich das Defizit ausmachen, aus dem das starke Bedürfnis erwächst, das so viele Kinder und Jugendliche durch das Abtauchen in die virtuellen Welten ihrer Computerspiele befriedigen: In der von uns geschaffenen Lebenswelt, in unseren Familien, in unseren Kindergärten und nicht zuletzt in unseren Schulen finden diese Kinder offenbar nicht das, was sie zum Wachsen, zum Über-sich-Hinauswachsen und damit zum Erwachsenwerden brauchen: klare Regeln und durchschaubare, verlässliche Strukturen, spannende Abenteuer und faszinierende Entdeckungen, schwierige Aufgaben, hohe Leistungsanforderungen bei entsprechender Anerkennung erbrachter Leistungen und nicht zuletzt, Gelegenheit zu eigener Entscheidung und zur Übernahme von Verantwortung für das, wofür sie sich entschieden haben. Nun wird auch klar, welche Kinder und Jugendlichen besonders leicht vom Strudel der von den elektronischen Medien erzeugten virtuellen Welten erfasst und – wenn ihnen niemand zu Hilfe kommt – mitgerissen werden: solche, die all das, was ihnen diese virtuellen Welten bieten, im realen Leben am wenigsten finden können. Wo also steht er, der Feind, und wer ist er, der Kinder und Jugendliche computersüchtig macht? Und wie lässt sich dieser Feind überwinden? Dieser geheimnisvolle Feind ist das durchorganisierte, in jeder Hinsicht abgesicherte, kontrollierte, verplante und bis in jede Minute ausgefüllte, ebenso satt wie unzufrieden machende Leben, das wir unseren Kindern in vielen Familien, in Kindertagesstätten und in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen anbieten oder gar aufzwingen. Das, was unsere Kinder süchtig macht, ist nichts, was in den letzten Jahren oder gar erst durch die Computer neu entstanden ist. Der „Feind“ ist vielmehr ein Verlust, ist etwas, das uns in unserer auf das perfekte Funktionieren ausgerichteten Lebenswelt auf unmerkliche Weise verloren gegangen ist: Lebendigkeit. In dem ständigen Bemühen, unsere Kinder so gut wie möglich auf das spätere Leben vorzubereiten, haben wir die Einrichtungen, in denen wir sie aufziehen, zu perfekt organisierten und reibungslos funktionierenden Friedhöfen gemacht. Dort können sie nun noch früher als wir selbst lernen, wie man seine ursprüngliche Lebendigkeit begräbt. Manche Kinder sind stark genug, um sich dagegen zu wehren. Die anderen müssen versuchen, all das, was ihnen dieses reale Leben nicht bietet, in einer anderen vorgestellen Welt zu finden. Das war immer so, aber es ging noch nie so leicht wie heute. Wer sich dagegen wehren und im realen Leben beheimatet bleiben will, muss stark sein.

Was macht Kinder stark?
Das ist eine Frage, die nicht so einfach zu beantworten ist. Denn schnell erweist sich all das, was wir auf den ersten Blick für stark machend halten, bei genauerer Betrachtung als recht fragwürdig. Kräftigende Armmuskeln sind es sicher nicht, die ein Kind stark machen, so stark, dass es tapfer seine Meinung vertritt, sich für andere, vor allem für Schwächere einsetzt. Wenn nicht die Muskelkraft entscheidet, dann vielleicht das, was man ganzkörperliche Fitness, also eine kräftige Gesundheit nennt. Aber auch das scheint nicht das zu sein, worauf es wirklich ankommt. Haben Sie nicht selbst schon oft genug darüber gestaunt, wie sich bisweilen gerade in schwierigen Situationen solche Menschen als unglaublich stark erweisen, denen man das normalerweise am wenigsten zugetraut hätte: Todkranke, Behinderte, soziale Außenseiter? Macht viel Wissen stark? Nicht unbedingt. Fachidioten gehören im Allgemeinen nicht zu denen, die sich besonders gut im Leben zurechtfinden. Überall dort, wo es weniger auf ihr Expertentum und mehr auf den gesunden Menschenverstand und gewisse praktische Fähigkeiten ankommt, versagen diese Wissensspezialisten oft kläglich. Was macht uns wirklich stark? Die Antwort ist banal, aber sie wird uns nicht gefallen. Denn genau das, was uns und unsere Kinder stark machen könnte, versuchen wir, so gut es geht, zu vermeiden: Probleme, die das Leben stellt und die – wenn es gelingt, sie zu meistern – stark machende Erfahrungen hinterlassen. Je zahlreicher und je unterschiedlicher diese Probleme sind, desto besser. Das ist das eine. Und das andere sind die Fehler, die wir (glücklicherweise) immer wieder machen. Stark wird man nicht dadurch, dass man keine Probleme hat und keine Fehler macht. Im Gegenteil. Je glatter alles geht, je perfekter alles funktioniert, desto weniger sind wir gezwungen, unser Gehirn und auch unseren Körper anzustrengen. Und was nicht genutzt wird, verkümmert und wird schwach. Damit man aber an Problemen wachsen und aus Fehlern lernen kann, braucht man als Kind vor allem Unterstützung. Nicht so viel, dass man sich nicht mehr anstrengen muss, aber immerhin so viel, dass man es schafft. Das muss nicht immer konkrete Hilfe sein. Meist reicht schon eine Ermutigung, wenn es schwierig zu werden beginnt, und ein Lob, wenn das Problem bewältigt ist. Wer also Kinder (und auch Erwachsene) stark machen will, muss ihnen schwierige Aufgaben übertragen, ihnen Mut machen und ihnen Vertrauen schenken. So einfach ist das.

Starke Kinder werden nicht süchtig, ebenso wenig wie all jene, die wirklich glücklich sind. Und was macht glücklich?
Man braucht sich nur etwas umzusehen, dann wird schnell klar, was ganz offensichtlich nicht glücklich macht, jedenfalls nicht auf eine hinreichend verlässliche Weise: Reichtum nicht und wohl auch kein Lottogewinn. Um das zu erkennen, genügt ein Blick in die sogenannte Klatschpresse. Auch Erfolg oder gar Ruhm scheinen kein Garant für dauerhaftes Glück zu sein. Beides lässt sich nicht unbegrenzt steigern. Diejenigen, die ganz oben angekommen sind, versuchen zwar, dort möglichst lange noch möglichst gut auszusehen. Aber der Abstieg von der Stufenleiter des Erfolgs ist, wie es uns die nicht mehr so gefragten Stars nur allzu deutlich vorführen, offenbar überhaupt kein Zuckerschlecken. Ein neuer Partner bringt meist auch nur für kurze Zeit ein helles Licht in das eigene Leben. Wenn der Zauber des Verliebtseins erlischt, kann es mit dem Glücklichsein auch bald wieder vorbei sein. Was also macht glücklich? Wenn es nicht das Habenwollen und Besitzen ist, dann vielleicht das Geben-Können und Verschenken-Dürfen? Das stellt freilich alle Glücksverheißungen unseres Kulturkreises komplett auf den Kopf. Aber wir können ja auch ganz einfach die Kinder fragen. Am besten die ganz kleinen, die wir noch nicht „erzogen“ haben. Nehmen wir beispielsweise ein krabbelndes Kleinkind, das es nach vielen vergeblichen Versuchen endlich geschafft hat, sich irgendwie am Tischbein hochzuziehen. Nun steht es zum ersten Mal auf den eigenen zwei Beinen. Ist der Kleine glücklich? Glücklicher oder anders glücklich als gestern, als er die neue Rassel bekam, nachdem er lange genug im Kaufhaus darauf gezeigt und herumgebrüllt hatte? Schauen Sie genau hin. Dann sehen Sie, was anders ist: Er schaut Sie an, gerade so, als warte er auf etwas, was sein Glück erst vollkommen macht. Er hofft darauf, dass Sie ihn sehen, dass Sie ihm Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Begeisterung schenken. Er möchte seine Freude über seine Leistung mit Ihnen teilen. Das macht glücklich. Und zwar nicht oben, auf der Oberfläche eines gestillten Bedürfnisses, sondern tief innen, im Herzen. Und wenn das Glück dort – und nicht nur im kurzzeitig aktivierten Lust- oder Belohnungszentrum des Gehirns – entsteht, erfasst es den ganzen Menschen und breitet sich im gesamten Körper aus. Das spüren dann beide, die einander etwas geschenkt haben: Ihr Kind und Sie selbst. Und dieses Glück geht nicht so schnell vorbei. Und genau dieses Gefühl ist es, das Kinder immer wieder (und wir Erwachsene auch gelegentlich) brauchen, um stark zu werden.

Autoren: die deutschlandweit renommierten Experten Wolfgang Bergmann (Kindertherapeut) und Gerald Hüther (Hirnforscher)

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