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Das stille Leid

Ist mein Kind nur schüchtern oder leidet es an Mutismus?

Gerade war noch alles in Ordnung, beim gemeinsamen Frühstück hat Laura gelacht, geredet, erzählt. Auf dem Weg zum Kindergarten spricht sie mit der Mutter und dem Vater; wenige Meter vor dem Kindergarten verstummt sie plötzlich. Im Kindergarten, in welchen sie seit 2 Jahren geht, spricht sie kein Wort, weder mit den Erzieherinnen noch mit den Kindern. Versteinert steht sie, beobachtet das Spielgeschehen ohne sich aktiv zu beteiligen.
Wird sie zufällig angesprochen, senkt sie den Blick, wendet sich ab und die langen blonden Haare fallen ihr ins Gesicht und bedecken es. Wenn sie von der Mutter oder dem Vater abgeholt wird, können sie sehen, wie ihre Tochter isoliert ist.
Verlassen sie gemeinsam den Kindergarten, sprudelt es aus ihrer Tochter heraus, alles hat sie beobachtet, alles kann sie nachspielen, alle Lieder hat sie sich gemerkt und sie singt diese auf dem Heimweg vor. Morgen, das wissen die Eltern, wird ihre Tochter wieder auf dem Weg zum Kindergarten erzählen und wieder über Stunden stumm im Kindergarten sein.

Über Stunden lang stumm

Aufgewühlt und voller Sorgen rufen die Eltern im Mutismus Beratungs Zentrum (MBZ) an. Sie erhoffen sich im Gespräch mit Frau Emmerling Aufklärung zu dieser Besonderheit ihrer Tochter. Das MBZ wurde vor 12 Jahren von Frau Emmerling, systemische Familientherapeutin, gegründet. Das MBZ wird pro Jahr von 150 - 180 Eltern aus dem In- und Ausland angerufen. Die durchschnittliche Beratungszeit liegt zwischen 30-45 Minuten. Das Angebot ist kostenlos und wird gerne von den Eltern angenommen.

So wie es Laura geht, ergeht es in Deutschland rund 400.000 Menschen. Sie leiden an selektivem Mutismus, einer psycho-sozialen Phobie mit Persönlichkeitsbesonderheiten. Die ICD-10 (Internationale Klassifizierung psychischer Störungen) führt dieses Störbild unter der Ziffer ICD10 - F94.0.

Selektiver Mutismus bezeichnet die Unfähigkeit von Kindern, in bestimmten Situationen zu sprechen, obwohl sie sprechen können. Mädchen sind etwas häufiger betroffen als Jungen. „Die Kinder sprechen in manchen Situationen - zum Beispiel zuhause - ganz normal, fließend, in anderen außerfamiliären Situationen jedoch aus emotionalen Gründen kaum oder nicht”, erklärt Irmgard Emmerling. „Oft zeigen sich bei einer mutistischen Diagnose gleichzeitig andere Persönlichkeitsmerkmale wie Sozialangst, Rückzug, eine ausgeprägte Empfindsamkeit oder die Neigung zu Widerstand und Trotz.”

Der Kindergarten ist die erste soziale Außenstation seit dem Spracherwerb; deshalb fällt hier eine mutistische Störung häufig zum ersten Mal auf. Oft sind es die Erzieherinnen, die die Eltern darauf hinweisen, dass sich ihr Kind im Kindergarten auffällig schweigsam und passiv verhält, keinen Kontakt zu anderen Kindern sucht, Spielangebote abwehrt und nicht mit den anderen Kindern, sondern neben ihnen spielt.
Viele Kinder essen und trinken im Kindergarten nicht, verweigern den Toilettengang oder weinen nicht, wenn sie sich weh getan haben - denn all dies wäre mit Lautäußerungen bzw. Geräuschen verbunden. „Oft erleben wir in der Beratung, dass das Problem lange verkannt worden ist”, bedauert Irmgard Emmerling.

Rechtzeitig therapieren

Manche Erzieherinnen wollen sich nicht einmischen oder ihre Hinweise werden nicht wirklich ernst genommen; der Kinderarzt rät oft zum Abwarten und auch die Eltern selbst neigen zum Beschwichtigen - schließlich spricht ihr Kind zuhause ja ganz normal. In vielen Fällen dauert es bis zur Vorsorgeuntersuchung U9, bis dann doch eine mutistische Störung diagnostiziert wird. Zwischen dem Auftreten der ersten Symptome bis zur Diagnose können 5 Jahre vergehen (Prof. Dr. Steinhauser, KJPD Zürich).
Oft wird dann den Eltern zu einer Logopädie, Ergotherapie oder Heilpädagogik geraten, obwohl eine psychische Ursache für das Verhalten verantwortlich ist.

Bis zur U9, also bis zum vollendeten 5. Lebensjahr, ist bereits wertvolle Zeit verstrichen. "Denn in den ersten Kindheitsjahren bis etwa zur Schulreife findet die erste Phase der Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation statt", betont die Beraterin. "Erwachsene greifen im späteren Leben oft auf diese ersten Kindheitserfahrungen zurück. Deshalb ist es so wichtig, dass in diesen ersten Jahren ein stabiles soziales und emotionales Fundament gelegt wird." Eine mutistische Störung bedarf daher unbedingt einer professionellen Behandlung.

Wenn ein Kind drei bis vier Monate in außerfamiliären Situationen schweigt, handelt es sich nicht mehr um reine Schüchternheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät sogar schon zur Diagnostik, wenn ein Kind länger als einen Monat im außerfamiliären Bereich nicht spricht.
Je früher eine Diagnosestellung erfolgt und eine Behandlung beginnt, desto besser die Prognose. Bei einem Kind, das über viele Jahre schweigt, wird sich hingegen die Störung in der Regel verfestigen. Dann lässt sich häufig eine Einengung der intellektuellen und sozialen Entwicklung sowie eine massive Verunsicherung im Kontakt mit Gleichaltrigen beobachten. Umgekehrt reagieren Gleichaltrige auf das mutistische Kind oft mit Hilflosigkeit und Unverständnis, Ablehnung oder Wut, oder andere Kinder übernehmen eine Helferrolle und sprechen für das mutistische Kind. Diese Rollenverteilung kann das Schweigen aber sogar verfestigen. Auch zentriert die Familie ihr Leben oft auf das betroffene Kind, das sich zuhause, entgegengesetzt zum mutistischen Verhalten, hier ungehemmt und dominant, manchmal sogar aggressiv zeigen kann.
Weil Mutismus häufig falsch gedeutet wird, verzögert sich oft die Diagnostik und der Start einer wirkungsvollen Therapie. Es ist durchaus denkbar, dass das betroffene Kind schweigend die Kindergartenzeit und die Grundschulzeit meistert, spätestens in den höheren Klassen geschieht neben dem sozial-emotionalen oft auch ein kognitiver Einbruch.

Kinder, die sich nicht am Unterricht beteiligen, nicht nachfragen und die sich ständig kontrollieren, um nicht zu sprechen, um keinen Laut von sich zu geben, deren Energiekapazität bricht mehr und mehr ein. So kann es geschehen, dass bei durchaus gutem kognitivem Potenzial das Kind zunehmend lernschwach wird.
Eine rechtzeitige Therapie kann einem chronischen Verlauf entgegenwirken. Die Unwissenheit des Umfeldes, der Ärzte und der Pädagogen sowie das häufige Vertrösten „Das wächst sich noch aus” hemmen häufig die Aktivitäten der besorgten Eltern, denn sie vertrauen darauf, dass Fachpersonen mehr Wissen haben als sie selbst.

Dies war einer der Beweggründe, die Frau Emmerling veranlasste, das Mutismus-Beratungs-Zentrum zu gründen. Sie ist Eltern auf der Suche nach fundierter Beratung, rascher Diagnostik und wirksamer Therapie ein gutes Gegenüber. Das MBZ schließt eine Lücke in der kostenlosen Beratung bei selektivem oder totalen Mutismus und dies seit 12 Jahren.

Mutismus-Beratungs-Zentrum (MBZ), Irmgard Emmerling, Wittelsbacher Str. 2a, 82319 Starnberg; Montag, Mittwoch und Freitag in der Zeit von 10.00 – 12.00 Uhr unter 0049-(0)8151-5564150
www.mutismus-therapie.de, www.mutismus.net