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Einfach unverzichtbar

Was sind uns unsere Hebammen wert?

Text: Anne Kraushaar

Seit einigen Jahren sehen sich freiberufliche Hebammen in der Ausübung ihres Berufes bedroht. Schmale Vergütungssätze und stetig steigende Haftpflichtprämien machen es Hebammen vielerorts nicht mehr möglich, ihrem Kern-Aufgabengebiet nachzukommen: Der Geburtshilfe. Versorgungsengpässe sind die Folge. Und die Gesellschaft muss sich fragen: Was sind ihr Hebammen eigentlich wert?

Der Anspruch auf Hebammenhilfe ist seit 1911 im Sozialgesetzbuch festgeschrieben. Was aber hilft dieser Anspruch einer schwangeren Frau, wenn sie sich wochenlang mit der Suche nach einer Nachsorgehebamme beschäftigt – und keine findet? Oder, dramatischer, bei Einsetzen der Geburt von einer überfüllten Klinik abgewiesen wird? Die Versorgung mit Hebammen hat in den letzten Jahren deutliche Einbußen erlitten. Diesen entgegenzuwirken, ist das Ziel der neuen Landesregierung. Laut Koalitionsvertrag will sie eine flächendeckende Versorgung mit Hebammenhilfe im ganzen Land sicherstellen. Unterdessen gilt für 2017 eine erneute Erhöhung der Haftpflichtbeiträge auf jährlich 7.639 Euro.

Beruf hat an Attraktivität verloren
„Wir sind noch nicht vom Aussterben bedroht, aber die Situation ist gravierend“, sagt Christel Scheichenbauer, die 2. Vorsitzende des Hebammenverbandes Baden-Württemberg. Schlechte Arbeitsbedingungen, schmale Vergü­­tungs­sätze und hohe Haftpflichtprämien haben ihrer Meinung nach dazu geführt, dass der Beruf an Attraktivität verloren hat – und sich finanziell nicht mehr rechnet.
Der Nachwuchs an jungen Kolleginnen bliebe aus und um den hohen Haftpflichtbeiträgen zu entgehen, die in keinem Verhältnis zu dem Verdienst einer Hebamme stünden, zögen sich viele Hebammen aus der Geburtshilfe zurück und verlagerten ihren Schwerpunkt auf die Schwangerenvorsorge und Wochenbett-Betreuung.

Kulturgut „Hebamme“?
In dem 2015 erschienenen Dokumentarfilm „Einsame Geburt – Hebammen in Not“ geht Nadine Peschel den Ursachen und Folgen dieses Problems auf den Grund. Hebammen, Ärzte, Verbände, Politiker, Versicherer, Krankenkassen und Juristen kommen dort zu Wort und diskutieren Auswirkungen und Lösungsvorschläge. Was bedeutet es für uns, wenn wir durch den Mangel an Hebammen in unserer Wahlfreiheit eingeschränkt sind, wie und wo unsere Kinder auf die Welt kommen sollen? Führt die Einklagbarkeit von Geburtsschäden weg vom Vertrauen auf eine normale Geburt und hin zu einer Interventionsspirale von PDA bis Kaiserschnitt? Was sind uns unsere Hebammen wert? Welches „Kulturgut“ geben wir auf, wenn wir sie verlieren?
Dieses „Kulturgut“ umfasst das Ankommen des Babys in der Welt, aber auch das Ankommen der Eltern in den Rollen als Mutter und Vater. Es beinhaltet die Vorbereitung der werdenden Familie auf die Geburt und das Leben, das dann folgt. Es bedeutet die einfühlsame Begleitung bei der Geburt. Die Betreuung bei Fragen, Sorgen und manchmal auch gravierend ausfallendem Gefühlschaos im Wochenbett. Kurz: Es bereichert den medizinischen Aspekt einer Geburt und umfasst die weitreichende und nur individuell zu beantwortende Frage: Wie gelingt der gute Start ins neue Leben? Welche Geschichte hat die Geburt dem Baby und der Familie mit auf den Weg gegeben? Und wie kann man sie gelungen weiterführen? Die Rolle der Hebammen bei der Beantwortung dieser Fragen? Der Koalitionsvertrag der Landesregierung hat ein Wort dafür gefunden: unverzichtbar.