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Gewaltfreie Erziehung

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Gewaltfreie Erziehung

Wer will das nicht – seine Kinder ohne Druck, ohne Strafen, ohne Gewaltanwendung erziehen? Die kleinen und großen Erziehungsberater-Büchlein haben Hochkonjunktur, diverse Seminare und Vorträge beschäftigen sich mit diesem Thema.

Eltern sind oft ratlos
Gewaltfreie Erziehung – das ist auch die Formel für ein inneres Dilemma bei vielen Eltern: Einerseits dem Kind nur Gutes zu geben, sein Leben so angenehm wie möglich zu gestalten – andererseits aber auch die eigenen Ansichten und pädagogischen Ziele nicht zu vergessen, Richtung und Maß zu vermitteln und vorzugeben. Das aber kann nicht gut gehen. Zwei sich scheinbar widersprechende Ansprüche stehen im Raum und treiben Eltern oft zur Verzweiflung. Rat- und hilflos versuchen sie dann, beiden Seiten zu genügen und sind damit fast zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Beratungsstelle Kinderschutzzentrum
Wenn Eltern zu mir in die Beratungsstelle Kinderschutzzentrum kommen, dann berichten sie oft von Erziehungssackgassen, in denen sie feststecken. Ohne erkennbaren Ausweg aus dieser Klemme reagieren sie vermehrt mit physischer wie psychischer Gewalt gegen ihre Kinder, fühlen sich anschließend als Versager und geraten immer tiefer in diesen Teufelskreis von Hilflosigkeit und Gewalt.

Eine scheinbar düstere Prognose – was sollen Eltern tun?
Den Anspruch auf Erziehung oder den auf Gewaltfreiheit aufgeben? Keins von beiden, denn dann würde der Widerspruch nicht aufgehoben, sondern nur umgangen zulasten der einen oder anderen Seite. Manche Eltern gehen diesen Weg – sind alles gewährend oder alles kontrollierend – verlaufen sich dabei völlig in der pädagogischen Landschaft. Ihre Kinder sind einander in ihren Verhaltensweisen manchmal recht ähnlich: Verzweifelt rebellieren sie gegen die starre Ordnung wie auf die Grenzenlosigkeit. Sie haben keine Mitte, die sie trägt, sondern erleben nur drückende Enge oder orientierungslose Weite.

Was ist Elternschaft?
Der Ansatz zu einer Lösung kann also nur darin bestehen, dass Eltern und Berater versuchen, die schon angedeuteten Widersprüche konstruktiv aufzuheben – das Dilemma zwischen Verwöhnen und Verweigern aufzulösen. Dazu gehört aber auch, dass wir uns konkret und genau vor Augen führen, wie Eltern und Kinder grundsätzlich zueinander stehen, was diese Beziehung bestimmt, beeinflusst und verzerren kann. Schauen wir zuerst auf das geläufige Bild von Elternschaft – welches Modell haben wir gelernt, erzählt bekommen und versuchen wir anzustreben? Eltern sorgen für ihre Kinder, behüten und beschützen sie, fördern sie und geleiten sie ins Leben. Sie sollen es einmal zumindest besser haben. Kinder ihrerseits tragen die Wünsche und Hoffnungen ihrer Eltern weiter, sind darin erfolgreich, eine Freude für ihre Eltern und dankbar für das, was ihnen gegeben wird. Sie sollen zeigen, dass sie wissen, dass sie es besser haben. Eltern sind verlässlich und beständig, geduldig und großmütig, ohne Schwächen und dunkle Stellen. Kinder sind ehrlich und offen, interessiert und strebsam, einsichtig und aufmerksam.
So könnte die Beschreibung der beiden Partner im Dilemma noch einige Zeit weitergehen. Gewiss, das ist etwas idealistisch und überzeichnet, aber hier handelt es sich ja auch um ein Idealbild. Die Welt ist hier noch in Ordnung.

Heile-Welt-Vorstellung tief verankert
Wichtig scheint mir, dass sich Eltern (und zu einem späteren Zeitpunkt auch die Kinder) klarmachen können, dass diese heile-Welt-Vorstellung archaisch tief in uns verankert ist und allen modernen und aufgeklärten Erziehungsmodellen zum Trotz weiterbesteht und wirkt. Ich habe bisher noch keine Familien erlebt, die nicht – neben Resignation, Ernüchterung, Enttäuschung, Wut und Ärger – auch immer noch Teile dieses Traums von der heilen Welt für sich gerettet hatten. Kinder und Jugendliche geben dies noch eher zu – Erwachsenen muss man etwas mehr Zeit lassen.

Die Welt ist in Unordnung
Die Wirklichkeit allerdings sieht anders aus. Hier ist die Welt in Unordnung. Wenn Eltern über ihre Erfahrungen mit Kindern sprechen, dann vergolden sie gern im Rückblick die Erinnerung. Erst nach einiger Zeit trauen sie sich, von den Schwierigkeiten und Krisen, der Erschöpfung und Mutlosigkeit zu berichten, die es eben auch und nicht gerade wenig gibt. Letzten Endes ist es so, dass vom Moment der Geburt an die gewohnte Paarstruktur – die manchmal eher einem verdoppelten Single-Leben ähnelt – völlig über den Haufen geworfen wird. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Als würde von einer Sekunde zur anderen eine Uhr angehalten, die Zahnräder neu geordnet und das Ganze wieder in Gang gesetzt. Dass es da zu Reibungsverlusten und zumindest anfänglich gehörigem Knirschen kommen muss, sieht jeder ein. Nur in puncto Elternschaft und Erziehung von Kindern dominiert trotz aller Erfahrungen und vieler kluger Literatur noch das Heile-Welt-Bild. Ein Kind wird geboren und Frau wie Mann sind aus dem Stand gute Eltern ohne Fehl und Tadel. Da tut es gut, einmal kräftig dagegenzuhalten.

Ideal und Realität liegen weit voneinander entfernt
Die Erfahrung aus der Arbeit mit Familien im Kinderschutzzentrum zeigt, dass fast alle Eltern an dieser Diskrepanz zwischen Ideal und Realität scheitern, den neuen Anforderungen nicht gewachsen sind. Das ist an sich noch nicht das Problem, denn wie gesagt, im neuen Gang der Dinge muss es einfach knirschen und kann es nicht so reibungslos wie zuvor weitergehen. Das eigentliche Problem liegt darin, dass nur wenige Eltern sich trauen, dem gewaltigen Erwartungsdruck der Gesellschaft (das sind Partner, Freunde, eigene Eltern, Tanten und die ganze restliche Verwandtschaft) auf optimale Elternschaft aus dem Stand zu widerstehen. Wer traut sich angesichts der goldigen Alete- und Milupababywelt schon, von Überforderung zu sprechen, zu sagen: „Ich kann das nicht, ich könnte mein Kind an die Wand klatschen, ich fühle mich allein gelassen, ich komme mir wie ein Versager vor“. Wer traut sich denn darüber hinaus, sich Rat und Hilfe zu holen, sich an eines der zahlreichen Hilfsangebote für Eltern und Familien zu wenden? Im letzten Jahr waren es im Kinderschutzzentrum 797 Familien mit fast 1200 Kindern. Aber dazu gehört Überwindung, die Kraft, sich gegen die Erwartung zu verhalten.

Mut zu einer neuen Sicht
Wir hatten uns eingangs gefragt, wie Kinder und Eltern im Idealbild der Gesellschaft und der Einzelnen zueinander stehen sollen und welche Konsequenzen an Überforderung und Misslingen sich daraus ableiten lassen. Es gehört Mut dazu, sich auf eine andere Sicht der Eltern-Kind-Beziehung einzulassen, die ich für viel realistischer und damit letztlich konstuktiver und hilfreicher halte. Oft haben mir Eltern berichtet, wie sehr sie doch ihr Kind lieben und dieses natürlich auch an ihnen hängen würde – und trotzdem ginge oft vieles schief. Angestrengt versuchten sie, sich im Ideal eines guten Vaters oder einer guten Mutter zu halten. Diese Eltern waren dann im ersten Moment fast schockiert, konnten dann aber erleichtert durchatmen und wieder einmal lachen, wenn ich ihnen erklärte: „Kinder können manchmal richtige kleine Terroristen sein, die uns mit allen Tricks aushebeln wollen. Manchmal wäre es richtig schön, sie an einen vorbeiziehenden arabischen Sklavenhändler zu verschachern – dann hätten wir jedenfalls mal ein paar Stunden Ruhe.“

Die Elternseele braucht Urlaub
In diesem Bild kann Liebe neben Ärger bestehen und darf sich auch ohne schlechtes Gewissen artikulieren – intrapsychischer Urlaub für die dauergestresste Elternseele. Es hilft, wenn man den Klammergriff eines Erziehungsmodells lockern kann, das nur die Kinder und nicht auch die Eltern mit ihren realen Bedürfnissen und Wünschen sieht. Es hilft, wenn wir als Gegenposition zur Auflockerung einmal formulieren dürfen: Eltern und Kinder passen nicht einfach so zusammen! Kinder und Eltern stehen zueinander in einer doppelt verschränkten Beziehungs- und damit auch Machtebene: Erwachsene sind Kindern vielfach übergeordnet – juristisch, intellektuell, physisch und in fast allen Bereichen des Alltagslebens. Kinder sind ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und hängen von ihnen ab. Archaisch gesehen können Kinder ohne ihre Eltern nicht überleben – das prägt ihre hohe Loyalität selbst in schlimmen Situationen (z.B., wenn sie Gewalt erleben) – das ist auch der Kern elterlicher Verantwortung und Sorge. Kinder ihrerseits binden Eltern an sich auf der emotionalen Ebene. Die Funktion des sogenannten „Kindchen-Schemas“ ist ja bekannt. Eltern können sich dem fast nie entziehen, erleben dies auch als Fesselung, als tief wurzelnde Bindung, der sie ausgeliefert sind.

Eltern haben einen Plan, Kinder sind wie Schmetterlinge
Diese gegenseitige Bindung und Abhängigkeit hat natürlich „ihren guten Sinn“ – hier läuft eine Art „innerer Generationenvertrag“ ab. Eltern bleiben auch unter Druck und Stress in ihrem Handeln orientiert am Wohl ihrer Kinder – Kinder erleben ihre Eltern als stark und allmächtig, in ihnen kann eine solide psychische Vertrauensbasis wachsen (mancher spricht da von Urvertrauen), die sich später in Achtung und Dankbarkeit gegenüber den Alten auszahlt. Kinder und Erwachsene erleben die Welt um sie herum völlig unterschiedlich, sie haben oft diametral entgegengesetzte Interessen und Sichtweisen (dies kann man ganz wörtlich nehmen – Kinder haben z.B. in den ersten Lebensjahren andere Sinneseindrücke und verarbeiten sie auch anders. Ein wichtiger Punkt in der Verkehrserziehung). Ein Erwachsener bewältigt seinen Tag, indem er einem Plan folgt und Ziele erreicht, für ihn sind Uhrzeiten wichtig, Züge oder Busse müssen rechtzeitig erreicht werden – hier hat vieles mit Sinn zu tun, mit Erwachsenen-Sinn. Ein Kind geht in jeden Tag neu, es kennt wenig Strukturen, entscheidet sich spontan. Manches, was ihm eben noch wichtig war, kann schon bald höchst uninteressant sein. Kinder ähneln in dieser Hinsicht dem Flug eines Schmetterlings – sie machen viele Umwege und kommen manchmal nie ans Ziel (aus der Sicht eines Erwachsenen).

Wie erziehe ich meine Kinder gewaltfrei?
So stehen also Kinder und Eltern zueinander – viel unterschiedlicher als die Bindungsnähe es uns suggeriert und manchmal aushält. Viel verschiedener als wir oft wahrhaben wollen und können. Eine Erziehung, die Gewalt möglichst vermeiden möchte, muss dies alles berücksichtigen:
– einerseits die gegenseitige archaische, enge Bindung,
– und andererseits die starken Unterschiede in Fähigkeiten, Möglichkeiten und Interessen.
Ein Erwachsener, der zu seinem und des Kindes Wohl handeln will, darf bei aller Nähe nicht die fundamentalen Unterschiede vergessen, sollte bei allen Differenzen aber auch in der Nähe noch zuhause sein können. „Gute Eltern“ sind vor allem solche, die in der Erziehung auch sich selbst nicht vergessen – die, im Interesse des Kindes, sich selbst nicht zurückstellen. Ich sage dies Rat suchenden Eltern oft und ebenso oft können sie es anfangs kaum annehmen. Ein angemessener Interessenausgleich zwischen Kind und Eltern gilt vielen schon als schädlicher Egoismus. Ist diese grundsätzliche Einsichtveränderung aber erst einmal gelungen, dann ist schon viel erreicht. Wenn Eltern sich innerlich neben ihren Kindern behaupten können, dann geht es nur noch um die praktisch-alltägliche Umsetzung.

Praktische Grundsätze der gewaltfreien Erziehung
Allerdings liegt auch hier – wie so oft – der Teufel im Detail. „Nur noch umsetzen“ hört sich einfach an – wer Kinder hat, weiß, wie schwer das sein kann. Ich kann an dieser Stelle kein Seminar über „Erziehung in dieser Zeit“ beginnen, da gibt es gute Angebote von Familienbildungsstätten und Elternschulen. Es wird sie vermehrter und frühzeitiger geben müssen – das ist sowohl eine pädagogische wie auch eine politische Aufgabe. Ich möchte aber zum Abschluss einige Grundsätze nennen, die mir zur praktischen gewaltfreien Erziehung von Kindern wichtig scheinen:
1. Freiräume
Kinder und Eltern sind, in dem was sie können und in dem was sie wollen, oft inkompatibel. Sie brauchen, um konstruktiv und ohne Gewalt miteinander umgehen zu können, Freiräume, Puffer, sozusagen „Adapter“ zum passenden Ausgleich. Diese „Freiräume der Begegnung“ müssen in den Köpfen und Herzen – also intellektuell wie emotional – wie auch konkret und real existieren.
2. Erwartungen
Eltern müssen von ihren erwachsenen Erwartungen an die Kinder viel Abstand nehmen – wie auch ihre Kinder langsam lernen, ihre kindlichen Vorstellungen von den Eltern zu korrigieren. Zeitraster und Denkmuster von Erwachsenen entsprechen selten dem Verhalten von Kindern – wer als Erwachsener mit Kind ein Ziel erreichen möchte, muss die notwendigen kindlichen Umwege akzeptieren und miteinplanen.
3. Miteinander reden
Kinder und Eltern müssen sich auch „Auseinandersetzen“ dürfen – konkret und real sollte eine Chance bestehen, dass Eltern ihre Kinder auch mal „alleinlassen“ können und umgekehrt. Der Satz „lass‘ mich endlich einmal in Ruhe, geh‘ zu den anderen und spiel‘“ ist in den Wind gesprochen, wenn die Gestaltung von Wohnung und Wohnumfeld dies gefahrlos nicht zulässt, wenn Kontakte zu anderen Eltern und Kinder in der Nachbarschaft fehlen.

Gewaltfreie Erziehung gibt es nicht auf Rezept. Sie ist möglich, wenn alle Verantwortlichen (und das sind vornehmlich die Erwachsenen) ein realistisches Bild von Elternschaft kreieren, und die jetzt existierenden bloßen Überlebensräume von Familien zu einer breiten Palette von Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder wie Eltern erweitern.

Autor: Dr. Klaus Neumann, Kinderschutzzentrum München

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